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Ausgangslage: Nationalparkgrenzen sind Kulturgrenzen

Als am 01. Oktober 1985 das Nationalparkgesetz in Kraft trat, änderte sich viel für die Bevölkerung an der Westküste Schleswig-Holsteins. Grundlegend drückte vor allem die feste Einbettung in ein (zusätzliches) Regelwerk auf die Freiheitsliebe und das Gefühl von Unabhängigkeit insbesondere der Landbevölkerung.

Das Grundprinzip des Nationalparkes, die dynamische Entwicklung der Natur zuzulassen, weitestgehend ohne sich einzumischen, ist für die Mehrheit schwer verständlich. Zumal die Natur mit ihrer enormen Kraft und Unberechenbarkeit – man denke nur an die Sturmfluten von 1362 und 1634 – nur dem Großstädter und seiner Sehnsucht nach Ursprünglichkeit im Lichte reiner Schönheit erscheint. Wer hier lebt, benötigt den Deich aus reinem Selbstschutz.

Bedenkt man darüber hinaus die gut 1000 Jahre alte Tradition, dem Meer Land abzugewinnen, die diesem Prinzip des Prozessschutzes im Nationalpark entgegen steht, ist es leicht nachzuvollziehen, dass ein derartiges Umdenken Jahrzehnte dauern muss.

Besonders deutlich wird dies an der Thematik Küstenschutz und dem damit verbundenen Vorlandmanagement. Das Vorland als Schnitt- bzw. Nahtstelle zwischen natürlicher Dynamik und Nutzung der Landschaft wird immer wieder zum Stein des Anstoßes.

So verschieden ist die Sicht auf ein und dasselbe Land: für den Naturschutz ist die Salzwiese ein besonders sensibler Bereich, in dem auf nur 0,074% der Nordseefläche, was 3% der Fläche des Wattenmeeres entspricht, ca. 2.300 Arten leben (mehr als 40% aller vorkommenden Arten), für den Küstenschutz ist sie technisch geschaffenes Vorland, das den Deich sichert.

Eine mögliche Kommunikation hierüber ist folgerichtig sehr schwer, weil ein und dasselbe sehr unterschiedlich verstanden und interpretiert wird. Der Kommunikations-Forscher würde sagen, wenig gemeinsamer Zeichen-vorrat ist vorhanden, die Kommunikation ist gestört.

Die Scheu davor, um den Nationalpark herum die Entwicklungszone des Biosphärenreservates weiter zu gestalten, was ja von den Gemeinden in Eigeninitiative gemacht werden kann, um mittels einer nachhaltigen Landschaftsnutzung neue Potentiale und Synergien zum Nationalpark zu entwickeln, ist für Außenstehende sehr augenfällig, auch wenn die Halligen es jetzt vorleben (nach 15 Jahren!).

     
Projektidee

Eine so gewachsene Struktur kann man nicht von heute auf morgen verändern, die Schwierigkeiten und Brüche werden in den Auseinandersetzungen um den Nationalpark sichtbar.

Und doch haben alle Beteiligten gemeinsame Lebensbezüge, gehen zum gleichen Bäcker, befahren die gleichen Straßen, schicken ihre Kinder in die selben Schulen ...

Aber: treffen sie sich? Genauer formuliert, begegnen sie sich? Und: wenn sie sich treffen sollten, wer müsste da den Anfang machen, wo könnten sie sich begegnen, was sind eigentlich die verbindenden Themen und möglicherweise daraus resultierende Übereinkünfte, Absprachen, Kompro-misse, gemeinsame Lebenswege und Lebensziele?

Ansatzpunkte könnte alles zutiefst Menschliche liefern, wie die Sorge um die eigenen Kinder, die Teilhabe am Familienglück oder an den eigenen Schwächen und den Schwächen anderer, eben das ganz Persönliche, Private.

Das Kunstprojekt „Hausbesuch“ will die Kulturgrenze dadurch überwinden helfen, das sich Nationalparkbefürworter mit Nationalparkkritikern zu Hause begegnen können.

 
     

Der Tisch als Konflikt-Mediationstool

Was ist eigentlich ein Tisch? Sprachlich leitet sich das Wort Tisch vom griechischen Diskus ab, was Wurfscheibe, flache Schüssel, Platte meint. Tacitus überlieferte, dass „in alter Zeit zu den Mahlzeiten jede einzelne Person ihren eigenen Esstisch, der zugleich Essschüssel war, vorgesetzt bekam“ (Duden Herkunfts-Wörterbuch).

Wie sollte ein Tisch beschaffen sein, der Menschen zusammenführt, um Konflikte friedlich auszutragen?

-   er soll eindeutig als Kommunikations-Tisch erkennbar sein

-   er soll formal und vom Material mit dem Nationalpark zu tun haben

-    er soll zum Ende des Projektes Hausbesuch dauerhaft aufgestellt werden

 

 

 

 

zwischen zwei Stühlen ist...?

...ein Tisch!

 

     

Gesprächsleitfaden

1.    Gesprächszweck: Das Gespräch dient der Begegnung jeweils zweier Menschen miteinander und soll gegenseitig Einblicke in die Lebenswirklichkeit gewähren.

2.    Gesprächsfelder: Private und menschliche Themen sollen im Mittelpunkt stehen: Familie, Hobbies, Freundschaften, Interessen. Wenn Konflikte im Zusammenhang mit dem Nationalpark angesprochen werden, soll hier eindeutig die Beschreibung der eigenen Intention, die hinter der eigenen Haltung steht, erklärt werden. Mit anderen Worten, es ist nicht gewollt, das ein Gesprächspartner den anderen belehrt, was er falsch macht oder denkt, sondern, es soll formuliert werden, warum man etwas wie einschätzt und welche eigenen Bedürfnisse dem zugrunde liegen.

3.    Gesprächsziel: a)    Das Gespräch soll möglichst viele Gemeinsamkeiten zu Tage fördern. Durch das Wissen, um die persönlichen Befindlichkeiten und Intentionen des Gegenüber soll eine freundliche, menschliche und konstruktive Gesprächskultur gefördert werden, die sich auf zukünftige Begegnungen positiv auswirkt. b)    Es soll ein Kodex für zukünftige Begegnungen erarbeitet werden

4.    Gesprächsmoderation: Der Künstler Manfred Webel ist bei möglichst vielen Gesprächen dabei. Er lenkt das Thema sensibel immer wieder zu den Gemeinsamkeiten.

5.    Gesprächsdokumentation: Das Gespräch wird wie folgt durch den Künstler dokumentiert: die Gesprächspartner bleiben anonym, alle Gemeinsamkeiten werden in ihrer Rangfolge aufgeschrieben, ohne das erkennbar wird, um welche Personen es sich handelt. Dazu erhält jeder Gesprächspartner ein Protokoll durch den Künstler, mit der Bitte um Korrektur und Ergänzung. Beides, das Protokoll des Künstlers und die Korrektur als Anhang zu dem Protokoll soll als sachliches „statistisches“ Material zusammen mit einem aus allen Gesprächen zusammengetragenen Kodex veröffentlicht werden.